Vier Tage dauerte die Schlacht bei Tannenberg. Für die Russen sollte sie die größte Schmach des Ersten Weltkrieges werden, für die Deutschen ein triumphaler Sieg, ein Mythos, herbeigeführt durch die Genialität Hindenburgs. Bis heute gilt die Schlacht bei Tannenberg als eine der größten „Umkreisungsschlachten“ der Geschichte. Entgegen allen Kriegsmythen holten nicht die deutschen Generäle den Sieg über die Narew-Armee. Die Russen haben sich die Niederlage bei Tannenberg selber beigebracht.
Der russische Schlachtplan
Noch zu Beginn des Krieges war Deutschland an der Ostfront seinem Feind unterlegen. Ein Großteil deutscher Streitkräfte stand an der Westfront gegen das französische Heer. Den russischen Armeen Samsanovs und Rennkampfs stand einzig die 8. deutsche Armee gegenüber. Der russische Schlachtplan sah vor, die 8. deutsche Armee mit den Heeren Samsanows und Rennkampfs zu umzingeln und vernichtend zu schlagen oder zumindest zum Rückzug hinter die Weichsel zu zwingen.
Der russische Schlachtplan artete jedoch zusehends in ein Desaster aus. Den Armeen Samsanows und Rennkampfs gelang es im gesamten Kampfverlauf nicht, sich zu vereinigen. Mit einer Landwehrdivision und der einzigen Kavalleriedivision gelang es den Deutschen, die Armee Rennkampfs vom eigentlichen Schlachtgeschehen abzuschneiden. Hindenburg schickte zwei weitere Korps gegen die Armee Rennkampfs und stellte seine Haupttruppen in Verteidigung bei Allenstein. Bis zum Ausgang der Schlacht konnte die Armee Rennkampfs sich nicht mit der Armee Samsanows vereinigen. So schafften es die Deutschen, den einzigen russischen Vorteil wett zumachen. Diese strategische Leistung lässt sich nicht Hindenburgs hoher Qualität als Kriegsstratege zuschreiben. Der General handelte nicht nach Gefühl. Bereits ab dem 20. August, also sechs Tage vor Schlachtbeginn, fingen die Deutschen alle russischen Funksprüche ab. Diese Funkspionage gelang den Deutschen bis zum Ende der Schlacht. So wusste Hindenburg über alle Feindpläne bescheid und konnte dementsprechend handeln.
Die Schlacht
Zum 26. August, dem Beginn der Schlacht, versagte die russische Truppenkoordination vollends. Das Zentrum der russischen Streitkräfte stand getrennt von seinen Flanken. Die Kommunikation der einzelnen Truppenverbände funktionierte nicht, und trotzdem gingen die im Zentrum postierten russischen Truppen zum Angriff über. Während sich die zentralen Hauptkräfte der Russen immer weiter ins Landesinnere vorwärts kämpften, wurden sie von der deutschen Armee eingekesselt. Am 27. August war der Großteil von Samsanows Armee von Feinden umzingelt. Für die Russen gab es keinen Nachschub mehr, der Rückzug abgeschnitten, die Kommunikation mit dem Stab zunichte gemacht.
Am 28. August erkannte auch Samsanow, dass ihm eine Niederlage bevorstand. Bei einer Besprechung in der Etappe erklärte er einem der Offiziere: Das Einzige was er noch tun könne, sei seinen Truppen in der Schlacht zur Seite zu stehen. Samsanow konnte auch zu Pferd in der Schlacht nichts mehr ausrichten. Der General verirrte sich samt seiner Eskorte in einem Waldstück und beinah wurde die gesamte Gruppe von einer feindlichen Maschinengewehrstellung niedergeschossen. Völlig entkräftet entfernte sich Samsanow am Abend des 29. August von seinen Begleitern. In der Dunkelheit fiel ein Schuss. Samsanow konnte die Schmach der Niederlage nicht ertragen, er hatte den Freitod gewählt.
Bis zum 30. August wurden 140.000 russische Soldaten getötet oder gefangen genommen. Die deutschen Streitkräfte erbeuteten über 600 Feldgeschütze. Doch viel wichtiger für das Kaiserreich war der ideologische Sieg über den mächtigen Feind des Ostens.
Die deutsche Propaganda
Nach gewonnener Schlacht feierte das Reich seine Generäle. Der Kult um Hindenburg wuchs ins unermessliche. Tannenberg sei „eine der größten Einkreisungsschlachten der Weltgeschichte“, sprach man in Deutschland, „Hindenburg und Ludendorff deren bedeutendsten Kriegsführer“. Auch nach Kriegsende bleib der Mythos Tannenberg in Deutschland bestehen. Die sogenannten Tannenbergfeiern wandelten sich nach 1919 in öffentliche Demonstrationen gegen den Versailler Vertrag und die von Deutschland zu entrichtenden Reparationszahlungen. 1927 entstand bei Hohenstein ein Denkmal zur Tannenbergschlacht. Bis zum ende des Zweiten Weltkrieges diente dieses Denkmal als „völkischer Vorposten“, wobei Hitler es 1935 zum „Reichsehrenmal“ ernannte.
Der Mythos Tannenberg, eine nationalistische Idee, starb mit dem untergegangenen Dritten Reich. 1945 errichtete der polnische Staat an Stelle des Tannenbergdenkmals ein eigenes Nationalmahl. Der russische Schriftsteller Alexander Solchenizyn beschrieb in seinem Roman „August 1914“ die Schlacht bei Tannenberg. Auch nach seiner Auffassung habe nicht die Genialität der deutschen Kriegsstrategen ihren Armee den Sieg eingebracht. „Der deutsche Sieg erscheint hier als das Resultat eines 'simplen Kriegsspiels', das keiner Feldherrngenialität bedurfte“. (Enzyklopädie Erster Weltkrieg – Schöninngh 2003)
